Blackout: Wenn du Hilfe brauchst, aber niemanden mehr erreichen kannst
Die Schweiz verfügt über Polizei, Rettungsdienste, Spitäler und ein gut organisiertes Bevölkerungsschutzsystem. Doch was passiert, wenn plötzlich die Verbindung zwischen Menschen in Not und den Rettungskräften abreisst? Ein Blick auf eine Schwachstelle, die bei der Krisenvorsorge oft übersehen wird.

Stell dir folgende Situation vor
Es ist 02:30 Uhr.
Seit drei Tagen gibt es keinen Strom. Die Mobilfunknetze funktionieren nicht mehr, das Festnetz ist tot. Im Dorf ist es ungewöhnlich ruhig.
Plötzlich hörst du einen dumpfen Schlag aus dem Nachbarhaus.
Du schaust nach. Dein älterer Nachbar liegt am Boden. Er ist gestürzt, klagt über starke Schmerzen und kann nicht mehr aufstehen.
Du greifst zum Handy. Kein Netz.
Du versuchst es erneut. Nichts.
Normalerweise würdest du jetzt die 144 wählen. Wenige Sekunden später sprichst du mit einer Fachperson, die einen Rettungswagen aufbietet und dir erklärt, was du bis zu dessen Eintreffen tun sollst.
Heute funktioniert das nicht.
Und jetzt?
Die Rettungskräfte existieren weiterhin. Vielleicht steht der Rettungswagen sogar nur wenige Kilometer entfernt.
Aber niemand weiss, dass dein Nachbar dringend Hilfe braucht.
Willkommen bei einem Problem, das ein langer Blackout mit sich bringen kann: Die Hilfe ist vorhanden, doch du erreichst sie nicht.
Ein Sicherheitsnetz, das von funktionierender Technik abhängt
Im Alltag verlassen wir uns auf Abläufe, über die wir kaum nachdenken.
Bei einem Unfall rufen wir die Rettung. Bei einem Brand die Feuerwehr. Bei einem Einbruch die Polizei.
Diese Selbstverständlichkeit beruht auf einer technischen Infrastruktur.
Ein Telefon braucht eine Verbindung. Eine Notrufzentrale muss erreichbar sein. Einsatzkräfte benötigen Kommunikationsmittel, Treibstoff und funktionierende Verkehrswege.
Bei einem grossflächigen Stromausfall geraten mehrere dieser Voraussetzungen gleichzeitig unter Druck.
Ein Mobilfunknetz kann zunächst noch funktionieren. Viele Anlagen verfügen über Batterien oder zusätzliche Stromversorgung. Doch diese Reserven sind begrenzt. Wenn der Ausfall anhält, können immer mehr Verbindungen wegbrechen.
Auch Internetanschlüsse und moderne Festnetztelefone funktionieren häufig nicht mehr, wenn die Stromversorgung der Geräte oder der Netzinfrastruktur fehlt.
Was bleibt dann?
Die Schweiz hat dafür einen Plan: Notfalltreffpunkte
Im Kanton St. Gallen gibt es 168 Notfalltreffpunkte. Jede Gemeinde verfügt über mindestens einen solchen Standort.
Sie wurden für Situationen geschaffen, in denen die gewohnten Kommunikations- und Informationswege nicht mehr zuverlässig funktionieren. Dort erhält die Bevölkerung Informationen und kann bei aktivierten Treffpunkten auch Notrufe absetzen.
Die Verbindung zu den Einsatzorganisationen läuft über besondere Kommunikationssysteme. In vielen Kantonen gehört dazu der Behördenfunk Polycom, der unabhängig von den gewöhnlichen Mobilfunknetzen arbeitet.
Das ist eine wichtige Sicherheitsstruktur.
Aber sie löst nicht jedes Problem.
Denn du musst den Notfalltreffpunkt erst einmal erreichen.
Drei Kilometer können plötzlich sehr weit sein
Kehren wir zu deinem Nachbarn zurück.
Du weisst, wo sich der nächste Notfalltreffpunkt befindet. Er liegt drei Kilometer entfernt.
Dein Nachbar braucht Hilfe. Du kannst ihn nicht einfach allein lassen. Gleichzeitig musst du jemanden alarmieren.
Ist eine zweite Person verfügbar, kann sie zum Treffpunkt gehen und den Notfall melden.
Lebst du abgelegen oder bist allein, wird es schwieriger.
Was geschieht mit Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden und niemanden mehr verständigen können?
Was passiert mit einer alleinlebenden älteren Person, die nach einem Sturz nicht mehr aufstehen kann?
Und wer bemerkt, dass ein Mensch, der zu Hause auf ein elektrisch betriebenes medizinisches Gerät angewiesen ist, plötzlich in Lebensgefahr schwebt?
Ein Notfalltreffpunkt ist eine wichtige Anlaufstelle. Er ersetzt aber keine jederzeit erreichbare Notrufnummer.
Hinzu kommt: Die Behörden nehmen die Treffpunkte je nach Lage in Betrieb. Sie sind keine rund um die Uhr geöffneten Rettungsstationen.
Und was geschieht in den Spitälern?
Spitäler verfügen über Notstromsysteme. Wichtige medizinische Geräte und Einrichtungen laufen damit bei einem Stromausfall weiter.
Das ist beruhigend.
Doch Strom allein reicht nicht.
Ein Spital braucht Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzte, Medikamente, Sauerstoff, Wasser, Lebensmittel und funktionierende Lieferketten.
Wie kommen Mitarbeitende zur Arbeit, wenn Züge ausfallen und an Tankstellen die elektrischen Zapfsäulen stillstehen?
Wie gelangen Medikamente ins Spital, wenn Logistikunternehmen ihre Waren nicht mehr ausliefern können?
Was geschieht, wenn ein Notstromaggregat zwar funktioniert, aber die Treibstoffversorgung unterbrochen wird?
Je länger eine Krise dauert, desto stärker verstärken sich diese Probleme gegenseitig.
Das bedeutet nicht, dass nach einigen Tagen sämtliche Spitäler stillstehen. Es bedeutet, dass selbst gut vorbereitete Einrichtungen auf eine funktionierende Umgebung angewiesen bleiben.
Auch die Polizei kann nicht überall sein
Ein ähnliches Problem betrifft die öffentliche Sicherheit.
Während eines Blackouts bleibt die Polizei für den Schutz der Bevölkerung zuständig. Doch ihre Ressourcen sind begrenzt.
Fallen gleichzeitig Verkehrsanlagen aus, ereignen sich Unfälle, entstehen Brände und müssen wichtige Einrichtungen geschützt werden, konkurrieren viele Einsätze um dieselben Kräfte.
Dazu kommt die Frage, wie du einen Einbruch oder Übergriff überhaupt meldest, wenn die üblichen Kommunikationswege ausgefallen sind.
Die Existenz einer Polizeiorganisation garantiert nicht, dass jede Person in jeder Situation sofort Hilfe erhält. Das gilt bereits im Normalbetrieb. Während einer grossflächigen Krise nehmen die Einschränkungen erheblich zu.
Ist unsere Sicherheit also nur eine Illusion?
Nein.
Die Schweiz verfügt über reale Vorsorgestrukturen. Notfalltreffpunkte, Behördenfunk, Führungsstäbe und Notstromsysteme sind keine blossen Versprechen. Sie wurden geschaffen, um die Folgen schwerer Krisen zu begrenzen.
Doch ein Notfallplan ist keine Garantie für eine reibungslose Rettung.
Zwischen einem geplanten Ablauf und seiner praktischen Umsetzung liegen Menschen, Technik, Ressourcen und manchmal schlicht die Zeit.
Genau das gehört in deine persönliche Krisenvorsorge.
Es geht nicht darum, das Vertrauen in die Behörden zu verlieren. Es geht darum, die eigenen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen.
Was bedeutet das für deine persönliche Vorsorge?
Die wichtigste Frage lautet nicht nur, wie lange dein Lebensmittelvorrat reicht.
Frage dich auch, was geschieht, wenn du plötzlich Hilfe brauchst.
- Weisst du, wo sich dein nächster Notfalltreffpunkt befindet? Kennst du den Weg auch ohne Navigation?
- Hast du ein batteriebetriebenes Radio, mit dem du behördliche Informationen empfängst? Mehr dazu in So bleibst du informiert.
- Gibt es Menschen in deiner Umgebung, mit denen du vereinbaren kannst, im Notfall gegenseitig nach dem Rechten zu sehen?
- Und wie steht es um deine Erste-Hilfe-Kenntnisse?
Gerade die letzte Frage wird häufig unterschätzt.
Wer eine lebensbedrohliche Situation erkennt, Erste Hilfe leistet und Unterstützung organisiert, überbrückt die Zeit bis zum Eintreffen der Rettungskräfte entscheidend.
Ein Erste-Hilfe-Kurs, eine sinnvoll ausgestattete Notfallapotheke und eine einfache Vereinbarung mit vertrauenswürdigen Nachbarn gehören deshalb ebenso zur Krisenvorsorge wie Lebensmittel, Wasser und Notstrom.
Besonders wichtig ist eine individuelle Lösung für Menschen, die auf stromabhängige medizinische Geräte angewiesen sind. Sie klären rechtzeitig mit ihren medizinischen Fachpersonen, wie eine sichere Ersatzversorgung oder Evakuierung organisiert wird.
Der Ernstfall beginnt nicht erst mit Plünderungen
Wenn wir an einen schweren Blackout denken, sehen wir oft leere Supermarktregale, Menschenmengen vor Tankstellen oder Konflikte um Lebensmittel.
Doch die erste lebensgefährliche Situation sieht oft viel unspektakulärer aus.
Ein Kind stürzt auf einer Treppe.
Ein älterer Mensch braucht dringend medizinische Hilfe.
Jemand erleidet einen Herzinfarkt.
Alles Ereignisse, die auch an einem gewöhnlichen Dienstag passieren.
Der Unterschied: Plötzlich funktioniert der gewohnte Weg zur Hilfe nicht mehr. Und damit verändert sich die Bedeutung von Vorbereitung.
Krisenvorsorge bedeutet nicht, alles allein bewältigen zu müssen. Sie bedeutet, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn die gewohnten Hilfssysteme vorübergehend nicht erreichbar sind.
Eine Frage zum Schluss
Stell dir vor, heute Nacht fällt der Strom aus. Morgen funktioniert dein Handy nicht mehr. Am dritten Tag braucht jemand in deiner Familie dringend einen Rettungswagen.
Weisst du jetzt schon, wie du Hilfe organisierst?
Wenn du diese Frage nicht beantworten kannst, hast du einen guten Ausgangspunkt für deine persönliche Krisenvorsorge gefunden.
Worst-Case.ch – Vorsorgen, bevor aus einem Problem eine Krise wird.
Quellen
Der Beitrag stützt sich auf offizielle Schweizer Quellen. Das nächtliche Notfallszenario ist fiktiv und dient dazu, die möglichen Folgen eines länger dauernden Stromausfalls verständlich zu machen.
- Bundesamt für Bevölkerungsschutz: Notfalltreffpunkte – Aufgaben, Inbetriebnahme und Notrufe ohne gewöhnliche Kommunikationsmittel
- Kanton St. Gallen: Notfalltreffpunkte – 168 Treffpunkte und ihre Funktion
- BABS: Katastrophen und Notlagen Schweiz 2025, Gefährdungsdossiers – Szenarien zu Stromausfall, Strommangellage und Ausfall des Mobilfunks
- BABS: Information, Warnung und Alarmierung der Bevölkerung – Alertswiss und Radio als Informationswege
- Kanton Bern: Kurzanleitung Polycom für Notfalltreffpunkte – Beispiel für den Einsatz des Behördenfunks
